Digitale oder klassische Therapie?

05.02.2021

Digitale oder klassische Therapie? – Ein Interview mit Dipl.-Psychologin Dr. Julia Korn

Die Invirto Therapie besteht neben der App auch aus der Betreuung durch approbierte Psychologinnen und Psychologen. Wir haben mit Dipl.-Psychologin Dr. Julia Korn, die Invirto-Patienten behandelt, gesprochen und wollten unter anderem wissen, ob die digitale Invirto Therapie dieselben Effekte erzielt, wie eine klassische Therapie.

Frau Dr. Korn, welche Erfahrungen haben Sie mit der Behandlung von Angststörungen gemacht?

Ich arbeite seit 14 Jahren mit Betroffenen von Angststörungen und habe Männer und Frauen mit verschiedenen Angsterkrankungen, Krankheitsschweren und Komorbiditäten1 kennengelernt.

Dipl.-Psychologin Dr. Julia Korn im Interview über digitale Therapie.
Dipl.-Psychologin Dr. Julia Korn

Generell sind Angststörungen sehr gut behandelbar und Verhaltenstherapie ist das Mittel der Wahl. Ein Teil davon ist die Expositionstherapie. Der Patient oder die Patientin muss sich dazu entscheiden, sich mit seiner oder ihrer Angst auseinander zu setzen und in angstauslösende Situationen zu gehen – sei es in der Vorstellung oder in der Realität. Das macht natürlich starke Angst und alles in den Patientinnen und Patienten würde sagen: “Ich will hier raus!” Entgegen des Fluchtimpulses, geht es darum, in der angstauslösenden Situation zu verbleiben und die eigenen Befürchtungen zu überprüfen. Als Therapeutin ermutige ich den Patienten oder die Patientin, solange in der Situation zu verbleiben, bis sie eine korrigierende Erfahrung machen konnten.

Kann digitale Therapie denselben Effekt wie eine klassische Therapie erzielen?

Die Expositionstherapie mit VR-Brillen ist eine relativ neue Methode. Allerdings gibt es bereits seit 20 Jahren Studien, die vergleichbare Effekte bei der Angstbehandlung mit VR-Brille und klassischer Therapie aufweisen. Es ist gut nachvollziehbar, dass Betroffene gerne dieses Angebot der digitalen Therapie oder der virtuellen Realität nutzen. Denn es ist ein schöner Zwischenschritt ist, bevor man in der realen Welt übt. In der virtuellen Realität kann man sich umschauen und hat ein Bild vor Augen, welches sehr real wirkt. 

Im Fall von Invirto handelt es sich außerdem um ein Komplettangebot. Am Anfang wird eine ausführliche Diagnostik gemacht, um herauszufinden, welche Angsterkrankung vorliegt. Dann steht ein weiteres Telefongespräch mit einer Therapeutin oder einem Therapeuten an, um den Patientinnen und Patienten beim Start der aktiven Übungen zu begleiten und zum Beispiel ein vorbereitendes Gedankenspiel zu machen. Nach dem Übungsteil mit der virtuellen Realität wird dann das Abschlussgespräch geführt. Darin wird gemeinsam geplant, welche Übungen im Alltag weitergeführt werden können und natürlich die Rückfallprophylaxe2 besprochen. Darüber hinaus sind alle Inhalte, die sie sich in der App durchlesen oder die als Audio-/Videodateien zur Verfügung stehen, Manual-basiert. Das heißt, die Patientinnen und Patienten lernen dort genau das gleiche, was sie auch in einer ambulanten verhaltenstherapeutischen Behandlung lernen würden. 

Wie reagieren die Patientinnen und Patienten auf das digitale Angebot?

Sie sind unheimlich dankbar, dass sie jetzt eine Möglichkeit haben, schnell in Behandlung kommen. Viele Patienten berichten, dass sie schon viele niedergelassene Therapeuten angerufen und frustrierende Erfahrungen gemacht haben. Denn momentan muss man mit einer Wartezeit von einem halben bis zu einem Jahr rechnen. Zwar kann man relativ zügig ein Erstgespräch bekommen. Bis die Therapie jedoch startet vergeht viel Zeit, die man in der Erkrankung verbringt. Insofern sind die Patienten sehr froh, dass sie jetzt einen Weg gefunden haben, eine Therapie zu beginnen.

Dann haben wir auch einige Patienten, die aus sehr ländlichen Regionen kommen. Für sie ist nicht nur die Suche ein immenser Aufwand, sondern auch Anfahrtswege.

Warum funktioniert die digitale Therapie vor allem bei Angststörungen so gut?

Manchmal ist die Angst vor dem Weg zum Therapeuten oder zur Therapeutin Teil der Symptomatik, da der Weg angstauslösende Elemente beinhaltet. Das können eine Autofahrt oder das Nutzen von öffentlichen Verkehrsmitteln sein. Wir haben Patienten und Patientinnen, die das Haus nur in Begleitung verlassen und nicht mal zum Bäcker in der gleichen Straße gehen können. Und für Patienten oder Patientinnen mit sozialen Ängsten kann es schwierig sein, die Therapeuten oder Therapeutinnen anzurufen, um einen Termin zu vereinbaren.

Die virtuelle Realität ist da ein niederschwelliges Angebot. Die Patientinnen und Patienten müssen nicht direkt in der Realität üben und sich ihren Ängsten stellen, wenn es ihnen zu schwierig erscheint. Man hat so die Möglichkeit, sich langsam heranzutasten – und zwar in Eigenregie. Dazu hat man die Gewissheit therapeutische Hilfe im Rücken zu haben, die man immer erreichen kann. 

Die virtuelle Realität gehört im Bereich der Phobien außerdem ganz klar zu den Leitlinien und ist die Therapie der Wahl, weil es so wichtig ist, sich mit den Ängsten zu konfrontieren. Wenn man im niedergelassenen Bereich arbeitet, ist es für Therapeuten leider nicht immer möglich, die Patienten in den speziellen Situationen zu begleiten. Deshalb ist das digitale Angebot hier eine große Unterstützung.

Welche Erfahrungen haben Sie mit der selbstständigen Arbeit der Patientinnen und Patienten gemacht? Wie gut funktioniert das?

Von ganz vielen Patienten und Patientinnen höre ich, dass sie unglaublich froh sind, dass sie so flexibel an ihrer Angst arbeiten können. Sie haben die Möglichkeit die Therapie von zu Hause aus zu machen und müssen sich an keine festen Termine halten. Das gibt viel Raum zur freien Zeiteinteilung und Entscheidung darüber, wie intensiv sie sich dran setzen möchten. Wir geben aber den Patienten und Patientinnen schon früh die Botschaft mit, dass die Therapie erfolgreicher ist, je intensiver man sich mit der Behandlung beschäftigt.

Ein Großteil der Patienten ist ebenfalls sehr dankbar, dass sie die Chance bekommen, die Therapie zu starten und die Angst endlich anzugehen. Sie sind dann sehr motiviert dabei, sodass manche schon nach ca. 6-8 Wochen die Therapie erfolgreich abschließen können. Und das, obwohl die Ängste sehr stark waren und die Patientinnen und Patienten extrem in ihrem Alltag eingeschränkt waren.

Da Vermeidung ein Symptom vieler Patientinnen und Patienten ist, ist es für sie schwieriger, sich den angstauslösenden Situationen zu stellen und sich generell mit den Inhalten zu beschäftigen. Diese Personen ermutigen wir zwischendurch. Wir schreiben eine Mail oder rufen sie an, um zu gucken, ob es vielleicht gerade kritische Lebensereignisse, wie Jobwechsel, gibt.

Haben Patienten von schwierigen Situationen berichtet, in denen sie schließlich Erfolgserlebnisse hatten?

Ja, manche Patienten und Patientinnen sind so ermutigt und engagiert, dass sie von sich aus anfangen, Übungen zu machen. Ich habe mit einer Patientin gesprochen, die, obwohl sie es noch gar nicht gebraucht hätte, schon das Gelernte aus der App in ihrem Alltag angewendet hat. Bevor sie überhaupt die virtuellen Übungen gemacht hat, konnte sie so ihren Bewegungsspielraum deutlich erweitern und in Supermärkten einkaufen gehen. Das war vorher nicht möglich. 

Das Gute ist, dass unsere Patienten nicht tatsächlich ganz alleine mit den Inhalten sind. Sie haben die Therapeutinnen und Therapeuten im Hintergrund, die sie kontaktieren können. Und umgekehrt haben wir die vereinbarten Termine, um sicherzustellen, dass die Inhalte richtig verstanden und aufgenommen wurden. So können wir auch bei denen, für die es etwas schwerer ist, die Angst intensiver oder die Komorbidität mit Depression höher ist, wichtige Schritte unternehmen und unterstützend wirken.

1 Eine oder mehrere Begleiterkrankungen, die neben der eigentlichen diagnostizierten Erkrankung auftreten
2 Im Fall einer Angststörung: kognitive Vorbereitung der Patientinnen und Patienten auf mögliche wieder auftretende Ängste

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